Technische Regeln für Gefahrstoffe Substitution (TRGS 600) Bundesrecht

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Anlage 2 TRGS 600, Vergleichende Bewertung der gesundheitlic...
Anlage 2 TRGS 600
Technische Regeln für Gefahrstoffe Substitution (TRGS 600)
Bundesrecht

Anhangteil

Titel: Technische Regeln für Gefahrstoffe Substitution (TRGS 600)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: TRGS 600
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Technische Regel

Anlage 2 TRGS 600 – Vergleichende Bewertung der gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Gefährdungen
(Spalten- und Wirkfaktorenmodell)

1 Das Spaltenmodell

(1) Das Spalten-Modell (siehe Tabelle "Ersatzstoffprüfung") erlaubt einen schnellen Vergleich von Stoffen und Zubereitungen anhand weniger Informationen.

(2) Eine vergleichende Bewertung eines Produktes und einer potenziellen Ersatzlösung wird jeweils getrennt für beide Lösungen durchgeführt in den fünf Spalten:

  1. 1.

    akute und chronische Gesundheitsgefahren (die Spalten "akute Gesundheitsgefahren" und "chronische Gesundheitsgefahren" als eine Spalte),

  2. 2.

    Umweltgefahren,

  3. 3.

    Brand- und Explosionsgefahren,

  4. 4.

    Gefahren durch das Freisetzungsverhalten und

  5. 5.

    Gefahren durch das Verfahren.

(2) Die Bewertung der Ergebnisse sollte folgende Kriterien berücksichtigen:

  1. 1.

    Vergleichende Bewertungen dürfen immer nur innerhalb einer Spalte und keinesfalls innerhalb einer Zeile vorgenommen werden.

  2. 2.

    Es darf nur angewandt werden, wenn der Hersteller die Stoffe oder Zubereitungen (im Hinblick auf die gesundheitliche Gefährdung zumindest bezüglich akuter Toxizität, Hautreizung, Schleimhautreizung, erbgutveränderndem Potential und Hautsensibilisierung) auf Basis vorliegender Daten und Erfahrungen unter Einbeziehung vorhandener Datenlücken bewertet hat (siehe Sicherheitsdatenblatt Kapitel 9 und 11) und erklärt hat, dass über die Einstufung hinausgehende gefährliche Eigenschaften (insbesondere im Hinblick auf die Toxizität bei wiederholter Applikation ) aufgrund dieser Bewertung nicht zu erwarten sind.

  3. 3.

    In der Spalte "akute Gesundheitsgefahren" ist bei den R-Sätzen 20, 21, 22, 23, 24 und 25 eine Besonderheit zu beachten: Treten diese R-Sätze in Kombination mit dem R-Satz 48 auf, so werden die betreffenden Stoffe/Produkte eine Gefährdungsstufe höher bewertet. Es handelt sich dann um chronische Gesundheitsgefahren.

  4. 4.

    Grundsätzlich sind geringe Unterschiede der Gefährdungsstufen nur dann ein Argument für einen Ersatzstoff, wenn die Datenlage bei dem Ersatzstoff ähnlich gut ist wie bei dem zu ersetzenden Stoff.

  5. 5.

    Schneidet die potenzielle Ersatzlösung in allen fünf Spalten besser ab als das verwendete Produkt oder Verfahren, ist die Höhe der Gefährdung eindeutig geklärt.

  6. 6.

    Ein Unterschied von einer Gefährdungsstufe kann mitunter beim Vorliegen entgegenstehender Gründe dazu führen, dass der Ersatzstoff nicht eingesetzt wird.

  7. 7.

    Liegen Unterschiede von zwei oder mehr Gefährdungsstufen vor, müssen wichtige Gründe vorliegen, den Ersatzstoff nicht einzusetzen.

  8. 8.

    Der Regelfall wird jedoch sein, dass das potenzielle Ersatzprodukt in einigen Spalten besser, aber auch in einer oder zwei Spalten schlechter abschneidet. Dann obliegt es dem Verwender zu beurteilen, welche Gefahreneigenschaften, d. h. welche Spalten im konkreten Fall das größere Gewicht haben.

    1. a)

      Lassen sich beispielsweise bei der Produktverarbeitung Zündquellen nicht ausschließen, wird man verstärkt auf die Brand- und Explosionseigenschaften sowie das Freisetzungsverhalten der Produkte achten müssen.

    2. b)

      Entstehen bei der Verarbeitung größere Mengen Abfälle, haben die Umweltgefahren ein höheres Gewicht usw.

  9. 9.

    Auf jeden Fall muss der Verwender das Ergebnis der Substitutionsprüfung in geeigneter Weise dokumentieren.

(3) Eine Bewertung unter Betrachtung der Inhaltsstoffe wird beim Spaltenmodell nicht durchgeführt. Durch diese pragmatische Vorgehensweise werden gewisse Nachteile in Kauf genommen, die sich z.B. aus der Existenz von Einstufungsgrenzen bei Zubereitungen ergeben.

Übersicht Ersatzstoffprüfung als PDF

2 Das Wirkfaktoren-Modell

(1) Das folgende Verfahren erlaubt eine vergleichende Gefährdungsabschätzung, allerdings nur hinsichtlich der gesundheitsschädlichen Eigenschaften, bei Stoffen und Zubereitungen, für die weder eine ausführliche und aktuelle toxikologische Bewertung noch Hilfen durch branchenspezifische Lösungen verfügbar sind. Es geht im Gegensatz zum Spaltenmodell nicht von der Einstufung der Zubereitung aus, sondern berücksichtigt anteilig alle (aus dem Sicherheitsdatenblatt ersichtlichen) Inhaltsstoffe.

(2) Auch zur Anwendung des Wirkfaktoren-Modells sollten zumindest Angaben zu folgenden gesundheitsschädigenden Eigenschaften der Stoffe bzw. der Inhaltsstoffe der Zubereitungen vorliegen; akute Toxizität, Hautreizung, Schleimhautreizung, erbgutveränderndem Potenzial und Hautsensibilisierung. Zusätzlich ist die Toxizität bei wiederholter Applikation (Verabreichung) zu beurteilen. Fehlende Angaben zu diesen Endpunkten werden mit dem entsprechenden W-Faktor bewertet:

  1. 1.

    Liegen keine Daten oder Erfahrungen zu akuter Toxizität, Hautreizung, Schleimhautreizung oder erbgutveränderndem Potenzial vor und ist auch kein Luftgrenzwert festgesetzt, ist für diese Eigenschaften der W-Faktor 100 anzunehmen,

  2. 2.

    Liegen keine Daten oder Erfahrungen zur Hautsensibilisierung vor und ist auch kein Luftgrenzwert festgesetzt, ist für diese Eigenschaften ein W-Faktor von 500 anzunehmen

  3. 3.

    Liegen keine Daten oder Erfahrungen zur Toxizität bei wiederholter Verabreichung vor und ist auch kein Luftgrenzwert festgesetzt, ist für diese Eigenschaft ein W-Faktor von 100 anzunehmen.

(3) Damit ist die Anwendung des Wirkfaktoren-Modells auch dann möglich, wenn nicht zu allen gesundheitsschädigenden Eigenschaften Angaben vorliegen.

(4) Das Wirkfaktoren-Modell bezieht sich ausschließlich auf toxische Eigenschaften. Physikalisch-chemische Eigenschaften, Umweltgefahren sowie Expositions- und Anwendungsbedingungen sind nicht berücksichtigt. Diese müssen in der Entscheidung zu einem Ersatzstoff getrennt beurteilt werden (zum Beispiel mit dem Spaltenmodell).

2.1 Der Wirkfaktor (W) für Stoffe

(1) W wird beschrieben durch die entsprechenden Gefahrenhinweise (R-Sätze) sowie durch Gesundheitsgefahren, die noch nicht in einem R-Satz ihren Niederschlag gefunden haben (z. B. Hautresorptivität, pH-Wert, K3).

(2) Es sind jeweils alle bei der bestehenden Lösung und bei der Ersatzlösung eingesetzten, entstehenden oder freigesetzten Stoffe zu berücksichtigen.

(3) Der W-Faktor eines Stoffes kann sinnvoll nur im Vergleich mit dem W-Faktor eines anderen Stoffes verwendet werden. Die W-Faktoren sind abgeleitet worden aus den Einstufungskriterien sowie der Höhe der Luftgrenzwerte in gleicher Weise eingestufter Stoffe (F. Kalberiah, H. Wriedt: Bewertung und Fortentwicklung der Regelsetzung: Anwendbarkeit der TRGS 440; Schriftenreihe der BAuA, Fb 784, Dortmund/Berlin, 1998).

Wirkfaktoren (W)
R45, R46, R49, M1, M2, K1, K250.000
R26, R27, R28, Luftgrenzwert (3) <0,1 mg/m3 1.000
R32, R60, R61, Re1, Re2, Rf1, Rf2 
R35, R48/23, R48/24, R48/25, R42, R43, Sh, Sa, Sah, (4) 500
R23, R24, R25, R29, R31, R34, R41, H, (2) 100
R33, R40, R 68, K3, M3, pH <2 bzw. > 11,5 (1)  
R48/20, R48/21, R48/22, R62, R63, RE3, Rf350
R20, R21, R2210
R36, R37, R38, R65, R675
R66, Eingestuft (aber keines der genannten Kriterien) oder mit AGW >100 mg/m3 1
Stoffe mit bekanntermaßen geringer Gesundheitsgefährdung0
Luftgrenzwert zwischen 0,1 und 100 mg/m3 100/GW (3)

(4) Wenn für den zu ersetzenden Stoff und für den Ersatzstoff zur Hautsensibilisierung oder der chronischen Toxizität keine Daten oder Erfahrungen vorliegen und beide den Wirkfaktor nur aufgrund der fehlenden Daten oder der Erfahrungen erhalten haben, wird dieser Endpunkt und der entsprechende Wirkfaktor nicht berücksichtigt.

(5) Bei Stoffen mit mehreren der aufgeführten Eigenschaften ist die Eigenschaft mit dem höchsten Wert heranzuziehen. Kombinationssätze - soweit nicht in der Tabelle aufgeführt - sind als Zusammensetzung aus einzelnen R-Sätzen zu betrachten, z. B. R39/26 als R39 und R26. Der R68 wird nur dann zur Bewertung herangezogen, wenn er nicht in einem Kombinationssatz auftritt.

2.2 Der Wirkfaktor (W 2 ) für Zubereitungen

(1) WZ erhält man grundsätzlich durch Addition der W-Faktoren der Inhaltsstoffe entsprechend deren Anteil in der Zubereitung. WZ für Zubereitungen mit den Inhaltsstoffen A, B, C, ... wird in idealer Weise berechnet nach der Formel

WZ = WA x PA + WB x PB + WC x PC + ...

wobei PA, PB, PC, ... = Prozentsatz/100.

(2) Die Ermittlung von WZ darf nicht anhand der Kennzeichnung der Zubereitung erfolgen. Es ist sinnvoll, dass der W-Faktor von Zubereitungen vom Lieferanten oder Hersteller ermittelt wird, da dieser genauere Kenntnisse über die Zusammensetzung der Zubereitung hat. Die Höhe des W-Faktors sollte aus den Angaben des Sicherheitsdatenblattes nachvollziehbar sein.

(3) Muss der Verwender WZ doch aus den Angaben im Sicherheitsdatenblatt berechnen, ist bei Konzentrationsspannen (z. B. 10-25%) der höchste Wert (hier 25%) für die Berechnung heranzuziehen. Auch wenn sich dabei ggf. ein Gesamtgehalt über 100% ergibt (z. B. Stoff A 10-25%, Stoff B 75-90%), ist nicht auf 100% zurückzurechnen. Liegt der Gesamtgehalt der im Sicherheitsdatenblatt angegebenen Stoffe unter 100%, muss entsprechend hochgerechnet werden.

(4) Bei Mehr-Komponenten-Produkten sind zum Vergleich mit einer Ersatzlösung die Wirkfaktoren der Komponente mit den höheren W-Faktoren heranzuziehen (bei Gebinden, mit denen eine Zwangsmischung erfolgt, ist der Mittelwert der Wirkfaktoren der Komponenten zu verwenden).

2.3 Bewertung der W-Faktoren

(1) Das Wirkfaktoren-Modell bezieht sich auf toxische Eigenschaften. Daher sind bei Entscheidungen über Ersatzstoffe die physikalisch-chemischen Eigenschaften, Umweltgefahren, Expositions- und Anwendungsbedingungen getrennt zu beurteilen.

(2) Der Einsatz einer Ersatzlösung ist umso eindringlicher zu prüfen, je größer der Quotient aus den Wirkfaktoren der bestehenden Lösung und der Ersatzlösung ist.

(3) Grundsätzlich sind geringe Unterschiede bei den Wirkfaktoren nur dann ein Argument für einen Ersatzstoff, wenn die Datenlage bei dem Ersatzstoff ähnlich gut ist wie bei dem zu ersetzenden Stoff.

(4) Bei einem Verhältnis der Wirkfaktoren von eingesetztem Stoff zum Ersatzstoff unter 10 sollten weitere Gründe für den Einsatz des Ersatzstoffes geprüft werden. Ist der Wirkfaktor des verwendeten Produktes mindestens zehnmal so groß wie der Wirkfaktor des Ersatzproduktes, müssen wichtige Gründe vorliegen, wenn der Ersatzstoff nicht eingesetzt wird.

(1) Amtl. Anm.:
Wenn für die Zubereitung Wz < 100 ist das Wirkpotenzial bei einem pH-Wert der Zubereitung <2 bzw. >11,5 mit W = 100 anzunehmen, sofern nicht aufgrund von Prüfungen der pH-Wert als nicht bewertungsrelevant beurteilt wurde
(2) Amtl. Anm.:
Bei einer H-Einstufung in der MAK-Liste oder der TRGS 900 ohne entsprechenden R-Satz liegt einer der R-Sätze 20, 21 oder 22 vor, ist das Wirkpotenzial entsprechend diesem R-Satz zu wählen
(3) Amtl. Anm.:
Verwende jeweils den höchsten Wert für W (aus kritischstem R-Satz bzw. 100/GW). Soweit Wirkungen, die einem R-Satz zu Grunde liegen, maßgeblich die Höhe des Luftgrenzwertes begründen, braucht dieser R-Satz nicht berücksichtigt zu werden. Dies kann den Begründungen zu den Luftgrenzwerten entnommen werden.
(4) Amtl. Anm.:
Bei einer Einstufung als Sh, Sa oder Sah in der MAK Werte Liste oder TRGS 900 ohne entsprechenden R-Satz, liegt einer der R-Sätze R 42, R 43 oder R42/43 vor und es das Wirkpotenzial entsprechend diesem R-Satz zu wählen.