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Abschnitt 4 TRBA 230, Gefährdungsbeurteilung
Abschnitt 4 TRBA 230
Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe - Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Land- und Forstwirtschaft und vergleichbaren Tätigkeiten (TRBA 230)
Bundesrecht
Titel: Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe - Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Land- und Forstwirtschaft und vergleichbaren Tätigkeiten (TRBA 230)
Normgeber: Bund
Amtliche Abkürzung: TRBA 230
Gliederungs-Nr.: [keine Angabe]
Normtyp: Technische Regel

Abschnitt 4 TRBA 230 – Gefährdungsbeurteilung

Der Arbeitgeber hat entsprechend § 7 BioStoffV eine Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen durchzuführen. Dazu hat er sich vor der Aufnahme von Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen ausreichende Informationen zu beschaffen, die eine Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich biologischer Gefährdungen ermöglichen (§ 5 BioStoffV). Aus der Bewertung der Informationen hat die Ableitung von Schutzmaßnahmen zu erfolgen. Der Arbeitgeber hat sich fachkundig beraten zu lassen, sofern er nicht selbst über die erforderlichen Kenntnisse verfügt. Für fachkundige Beratung stehen die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder der Betriebsarzt zur Verfügung. Zusätzliche wertvolle Informationen bei z. B. Erkrankung von Tieren sind auch über den Tierarzt bzw. das Veterinäramt zu erhalten.

4.1 Gefährdungen durch biologische Arbeitsstoffe

(1) Bei Tätigkeiten in der Land- und Forstwirtschaft sowie angrenzenden Wirtschaftszweigen gehen die Beschäftigten mit Tieren, Pflanzen, deren Produkten bzw. Zwischenprodukten, Fahrzeugen, Maschinen und Arbeitsgeräten um, die biologische Arbeitsstoffe enthalten bzw. denen diese Stoffe anhaften, ohne dass die Tätigkeiten auf diese ausgerichtet sind.

In der Regel sind die auftretenden biologischen Arbeitsstoffe nicht im Einzelnen nach der Art, Menge und Zusammensetzung bekannt. Es kommt daher meist zu einer mikrobiellen Mischexposition der Beschäftigten, wobei die Expositionsverhältnisse zeitlich und räumlich starken Schwankungen unterliegen. Aus diesen Gründen handelt es sich um nicht gezielte Tätigkeiten im Sinne der BioStoffV.

(2) Die Gefährdung bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen wird maßgeblich durch deren Eigenschaften sowie Menge, Umfang der Freisetzung und Verbreitung, Art, Dauer und Häufigkeit des Kontakts bestimmt.

  • Einstreu, Futtermittel und gelagerte Pflanzenteile sowie die Tiere sind eine wichtige Quelle für luftgetragene biologische Arbeitsstoffe. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass z.B. die Verwendung von sichtbar verschimmeltem Stroh, Heu, Silage, anderen Futtermitteln oder Pflanzenteilen zu einer deutlich höheren Exposition gegenüber sensibilisierenden und toxischen biologischen Arbeitsstoffen führt, als dies bei Verwendung der entsprechenden Produkte ohne sichtbare Schimmelpilzbelastung der Fall wäre.

  • Im Gegensatz zu Viren und Endoparasiten können sich Bakterien und Schimmelpilze auch außerhalb von Pflanzen und Tieren abhängig von Umgebungsbedingungen vermehren, so dass ihr Vorkommen und die Konzentration dieser verschiedenen Organismen abhängig sind z.B. vom Arbeitsbereich, Arbeitsverfahren, Arbeitsmanagement und Hygienezustand des Arbeitsplatzes.

(3) Die Wege für die Aufnahme und Übertragung von biologischen Arbeitsstoffen sind:

Atemwege: Staub und Tröpfchen in der Luft (Aerosole) können neben Infektionserregern auch sensibilisierende oder toxisch wirkende Substanzen enthalten.

Mund: Maßgeblich ist der Hand-Mundkontakt/Schmierinfektion (z.B. Essen, Trinken, Rauchen) besonders bei häufigem Tierkontakt und Umgang mit Wirtschaftsdünger.

Haut, Schleimhaut:

  • direkte Übertragung/Kontaktinfektion (z.B. Übertragung von Hautpilz ["Kälberflechte"] von den Tieren auf den Menschen)

  • indirekte Übertragung/Schmierinfektion (z.B. Melkerknoten über kontaminierte Gegenstände der Tierpflege, Stalleinrichtung usw.)

  • Übertragung durch Stich- und Schnittverletzungen mit kontaminierten Geräten

  • Übertragung über die Augen

Haut mit verminderter Schutzbarriere (z. B. Wunden, Ekzeme oder durch Nässe aufgeweichte Haut) kann die Übertragung von Infektionserregern begünstigen.

Tiere:

  • Übertragung durch Tierbisse

  • Übertragung durch Ungeziefer (z. B. Zecken, Wanzen, Mücken) oder Schadnager und deren Ausscheidungen

Zu beachten ist, dass viele Infektionserreger nicht nur über einen sondern auch über mehrere der oben genannten Übertragungswege aufgenommen werden können.

(4) Es werden infektiöse, sensibilisierende und toxische Wirkungen unterschieden. Hierbei ist stets davon auszugehen, dass auch bei geringer Infektionsgefährdung durch die Einwirkung von Stäuben, denen biologische Arbeitsstoffe anhaften, sensibilisierende (z. B. Allergieauslösende Schimmelpilze) und toxische (z.B. Endotoxine, Mykotoxine) Wirkungen möglich sind. Daher sind die sensibilisierenden oder toxischen Wirkungen von Mikroorganismen unabhängig vom Infektionspotenzial in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen. Hierfür typisch sind Mischexpositionen mit einer Vielzahl allergener und toxischer luftgetragener Komponenten. Bei diesen handelt es sich beispielsweise um Schimmelpilze und Endotoxine, aber auch um nicht unter die BioStoffV fallende Pflanzen und Futtermittelbestandteile, Pollen, Haare und Partikeln der Nutztiere oder Vorratsmilben.

Stäube, die Schimmelpilze und Actinomyceten ("Strahlenpilz") enthalten, werden in der TRGS 907 "Verzeichnis sensibilisierender Stoffe" als sensibilisierende Gefahrstoffe bewertet.

Beispiele für Tätigkeiten mit möglicher Exposition gegenüber sensibilisierenden und toxischen biologischen Arbeitsstoffen sind:

  • Ausbringung von Einstreumaterialien wie z.B. von Stroh

  • Ernte, Aufbereitung, Transport und Lagerung von Pflanzen

  • Reinigung von Lager- und Futterbehältern

  • Futter mischen

  • Ausbringung von Holzhackschnitzeln

  • Hochdruckreinigung eines Tierstalls

  • Kontrollgang in der Geflügelhaltung

  • Herstellung von Substraten für die Pilzproduktion

(5) Gemäß BioStoffV werden biologische Arbeitsstoffe entsprechend ihrem Infektionsrisiko in Risikogruppen eingeteilt. Im Anwendungsbereich dieser TRBA treten in der Regel biologische Arbeitsstoffe der Risikogruppen 1 und 2 auf.

(6) Werden bei Tieren Infektionserreger der Risikogruppe 3 nachgewiesen oder besteht ein begründeter Verdacht einer entsprechenden Infektion, kann dies jedoch zu einer besonderen Gefährdung für den Menschen führen.

Auch durch Nagetiere, Vögel oder andere Tiere und deren Ausscheidungen können biologische Arbeitsstoffe der Risikogruppe 3 übertragen werden.

(7) Tätigkeiten im Zusammenhang mit Infektionskrankheiten, die durch Krankheitserreger der Risikogruppe 4 ausgelöst werden, sind im Anwendungsbereich dieser TRBA nach bisherigem Kenntnisstand nicht bekannt.

4.2 Durchführung der Gefährdungsbeurteilung

(1) Die Gefährdungsbeurteilung ist vor Aufnahme von Tätigkeiten durchzuführen. Bei Änderungen der Arbeitsbedingungen sowie bei den weiteren in § 8 BioStoffV genannten Anlässen ist die Gefährdungsbeurteilung zu aktualisieren. Eine erneute Gefährdungsbeurteilung ist auch notwendig, wenn dem Arbeitgeber Erkrankungen bei Beschäftigten bekannt werden, die auf entsprechende Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen zurückzuführen sind.

Bei der Zusammenarbeit mehrerer Unternehmen sind diese auch zur Zusammenarbeit bei der Gefährdungsbeurteilung verpflichtet (§ 8 ArbSchG).

(2) Wartungs- und Reinigungsarbeiten sowie Überwachungstätigkeiten sind auch Gegenstand der Gefährdungsbeurteilung. Dazu sind die Häufigkeit der Arbeiten, die erforderlichen Tätigkeiten und die Expositionszeiten zu berücksichtigen.

(3) Bei der Beschaffung von Informationen für die Gefährdungsbeurteilung sind neben den zu erwartenden biologischen Arbeitsstoffen sowie Ausmaß und Dauer der Exposition, weitere Sachverhalte zu ermitteln, z. B.

  • die mit ihnen verbundenen Übertragungswege und Aufnahmewege (z. B. über das Einatmen),

  • die Art der Tätigkeit (z. B. Füttern, Umtreiben von Tieren, Getreidedrusch, Reinigungsarbeiten),

  • die Dauer der Tätigkeit (z. B. kurzzeitige, wechselnde oder ganztägige Tätigkeiten),

  • die Häufigkeit der Tätigkeit (z. B. nicht arbeitstäglich),

  • anlagen-, maschinen- und fahrzeugspezifische Faktoren (z. B. Art der Lüftung, bauliche Gestaltung, geschlossene Fahrerkabine),

  • weitere spezifische Faktoren (z. B. Tierhaltung auf Einstreu, Verwendung von Trockenfutter, Handhabung von Materialien mit sichtbarem Schimmelbefall, staubintensive Tätigkeiten, Arbeiten in Endemieregionen, Verdacht auf erkrankte Tierbestände).

(4) Bei der Gefährdungsbeurteilung sind auch Informationen über bekannte tätigkeitsbezogene Erkrankungen von Beschäftigten bei vergleichbaren Tätigkeiten zu berücksichtigen. Dabei ist auch auf sensibilisierende und toxische Wirkungen zu achten.

Beispiele für Infektionserreger in verschiedenen Arbeitsbereichen:

Arbeitsbereich Übertragung durch Krankheit Infektionserreger Risikogruppe
     
PflanzenproduktionBoden/SubstratWundstarrkrampf Clostridium tetani2
PflanzenproduktionSchadnagerHämorrhagisches Fieber mit NierenerkrankungHantaviren2
TierhaltungRinder, Schafe, PferdeHautpilz Trichophyton spp.2
TierhaltungGeflügel, Ziervögel, HaustiereOrnithose, Psittakose Chlamydophila psittaci3
TierhaltungRinder, SchafeQ-FieberCoxiella burnetii3
ForstwirtschaftZeckenLyme-Borreliose bzw. Zecken-Borreliose Borrelia burgdorferi2
ForstwirtschaftZeckenFrühsommer-MeningoenzephalitisFSME-Virus3(**)1)
BinnenfischereiFischeRotlauf Erysipelothrix rhusiopathiae2
ZooAlle SäugetiereTuberkulose Mycobacterium tuberculosis3

1) Bei biologischen Arbeitsstoffen, die in der Richtlinie 2000/54/EG in Risikogruppe 3 eingestuft und mit zwei Sternchen (**) versehen wurden, kann eine Übertragung über den Luftweg normalerweise nicht erfolgen.

(5) Beim Einsatz von mobilen Maschinen und Arbeitsgeräten ist dies in die Gefährdungsbeurteilung einzubeziehen. Es sind mögliche Gefährdungen für Beschäftigte zu berücksichtigen, die z.B. durch Verschleppung biologischer Arbeitsstoffe entstehen können.

(6) Eine Hilfestellung zur Gefährdungsbeurteilung anhand von Beispielen gibt die technische Regel für biologische Arbeitsstoffe "Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen" (TRBA 400).

(7) Bei vielen Maßnahmen, die zum Schutz der Beschäftigten ergriffen werden, bestehen positive Zusammenhänge zwischen Arbeitsschutz und Verbraucherschutz bzw. Tierschutz und Tierhygiene. So können beispielsweise allgemeine Hygienemaßnahmen im Bereich der Nutztierhaltung, wenn sie gewissenhaft umgesetzt werden, gleichzeitig auch dem Schutz für die Beschäftigten dienen.