Wer ständig psychisch belastet ist, der ist weniger leistungsfähig

»Wer ständig psychisch belastet ist, der ist weniger leistungsfähig« Psychische Belastung in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen, liegt in der Pflicht des Arbeitgebers. So sieht es das Arbeitsschutzgesetz vor. Ziel ist es, arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sowie Arbeitsunfällen vorzubeugen. Inwiefern die Einschätzung von Mitarbeitern bei psychischen Belastungen von Bedeutung ist, darüber hat arbeitssicherheit.de mit Eva Machnitzke, Geschäftsführerin bei FAVOX, gesprochen.

arbeitssicherheit.de: Frau Machnitzke, seit dem Jahr 2013 sind Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, psychische Belastungen von Mitarbeitern am Arbeitsplatz zu beurteilen. Warum ist dies – abgesehen von der gesetzlichen Vorgabe – so wichtig?

Eva Machnitzke: Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen sowohl im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich. Zum einen sind psychisch belastete Mitarbeiter nachweislich häufiger krank und damit für den Arbeitgeber nicht oder nur bedingt einsetzbar. Wer ständig psychisch belastet ist, der ist weniger leistungsfähig, interagiert zum Beispiel viel schlechter im Team oder im Außenkontakt. Damit sind belastete Arbeitnehmer für das Unternehmen unter dem Strich wesentlich teurer als gut motivierte Arbeitnehmer, die unbelastet arbeiten. Ein gesundes Betriebsklima ist ebenfalls wichtig, wenn es darum geht, Fachkräfte im Unternehmen zu halten.

Da ständige psychische Belastungssituationen – etwa durch übermäßigen Druck durch Vorgesetzte – final auch zur Kündigung durch den Arbeitnehmer führen können, sind die Unternehmen einfach wirtschaftlich gut beraten, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Auf der anderen Seite steht natürlich auch der soziale und menschliche Aspekt. Ein Unternehmen lebt durch seine Mitarbeiter, ein hoher Krankheitsstand, mangelnde Motivation und »schlechte Stimmung« tun weder den Mitarbeitern gut, noch dem Unternehmen an sich. Gute Unternehmer sind sich dieser Verantwortung bewusst, analysieren regelmäßig und leiten zeitnah Gegenmaßnahmen ein.

Psychische Belastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu erfassen und zu bewerten klingt erst einmal recht einfach. Aber inwiefern stellt dies für Unternehmen auch eine Herausforderung dar?

Der Gesetzgeber gibt Unternehmen für die Beurteilungen der psychischen Belastungen und Beanspruchungen viele Handlungshinweise, der Markt aber bot bislang wenig zeitgemäße Tools. Doch gerade die Umsetzung stellt viele Unternehmen vor eine schwer lösbare Aufgabe, die in der Vergangenheit oft zeitaufwendig mit umfangreichen und langwierig auszuwertenden Fragenbögen, mit Beobachtungsinterviews und Workshops gelöst wurde. Diese binden nicht nur Ressourcen und Manpower, sondern liefern auch erst spät Informationen, die in der Auswertung oft von der Unternehmensleitung und dem Betriebsrat noch interpretiert werden müssen. Unsere FAVOX-Software ist dagegen skalierbar, preisgünstig, transparent und ohne lange Vorbereitung oder gar Schulung durchführbar. Die Ergebnisse jeder Niederlassung, Abteilung oder Team sind in Form eines Reportings direkt nach Abschluss der Befragungsphase verfügbar. Die benötigte Gefährdungsbeurteilung ist klar und eindeutig aus dem Reporting ableitbar.

Wie können Arbeitgeber sicherstellen, die »tatsächlichen« psychischen Belastungen an einem Arbeitsplatz zu erfassen? Welche Rolle spielt dabei die Einschätzung der Beschäftigten?

Eine sehr große Rolle. Denn: Die Mitarbeiter sind Experten in den jeweiligen Situationen. Sie können sehr genau die Belastungen und Beanspruchungen anhand der von uns gestellten Fragen einschätzen. Darüber hinaus läuft die Befragung über einen Zeitraum von ca. fünf Tagen. Dadurch haben Mitarbeiter die Möglichkeit, an mehreren Tagen ihre Einschätzung zu geben. Zum Beispiel bei der Frage: Wie konnte ich die Menge meiner Arbeit heute bewältigen? Jeder Tag ist anders, genau das hilft Mitarbeitern. Und wir können anhand der Daten von einer Woche belastbarere Daten erhalten – anders als bei einer Einmal-Befragung. Durch eine auf mehrere Tage verteilte Umfragedauer relativiert das System tägliche Stimmungsschwankungen.

Auf welche Weise können Unternehmen – insbesondere bei Befragungen zur psychischen Belastung und Beanspruchung – gewährleisten, dass die Angaben von Mitarbeitern objektiv sind?

Auf den ersten Blick mag man meinen, dass psychische Belastung immer nur subjektiv zu betrachten ist. Das subjektive Belastungsempfinden wird aber von vielen objektiven Faktoren, beispielsweise dem Arbeitsplatz und dem Kollegenkreis beeinflusst, sodass automatisch eine objektive Bewertung miteinfließt.

Welcher Zeitraum ist dafür einzuplanen, um alle Arbeitsplätze im Betrieb hinsichtlich psychischer Belastungen zu beurteilen?

Ich kann dies nur für unser Tool beantworten. Die Favox-Umfrage dauert je nach Unternehmensstruktur (Schichtarbeit) und Größe 5 bis 10 Tage. Unmittelbar nach Beendigung der Befragung liegen alle Ergebnisse und Auswertungen vor. Die Systematik entspricht den gesetzlichen Vorgaben (ISO 10075-3).


Eva Machnitzke ist Geschäftsführerin bei FAVOX.

Interview: Redaktion arbeitssicherheit.de (SL)
Foto: © chagin - Fotolia.com, Favox
Veröffentlichung: 01.2017

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